Politischer Aktivismus spielt eine komplexe Rolle in der Demokratie. Er kann sowohl positive als auch negative Einflüsse auf demokratische Gesellschaften haben:
Positive Einflüsse:
- Mobilisierung der Bürger: Aktivismus kann Bürger dazu ermutigen, sich politisch zu engagieren, was zu einer stärkeren Beteiligung an Wahlen und politischen Prozessen führen kann.
- Bewusstseinsbildung: Aktivisten können wichtige Themen in den Vordergrund rücken und das öffentliche Bewusstsein für soziale, wirtschaftliche und ökologische Probleme schärfen.
- Repräsentation: Aktivismus kann marginalisierten Gruppen eine Stimme geben und deren Anliegen in die politische Agenda einbringen.
- Politischer Wandel: Durch Druck von unten können aktivistische Bewegungen politische Veränderungen herbeiführen, die sonst möglicherweise nicht in Betracht gezogen worden wären.
Negative Einflüsse:
- Polarisierung: Intensiver Aktivismus kann zu einer Spaltung der Gesellschaft führen, vor allem wenn unterschiedliche Gruppen gegensätzliche Positionen vertreten. Siehe dazu: Polarisierung – ihre Auswirkung auf Demokratien
- Radikalisierung: In einigen Fällen kann Aktivismus extremistische Ansichten fördern oder zu Gewalt führen, was die demokratischen Prozesse gefährden kann.
- Überlastung der Institutionen: Ein ständiger Druck durch Aktivisten kann die politischen Institutionen überfordern und deren Fähigkeit zur effektiven Entscheidungsfindung einschränken.
- Missbrauch von Informationen: Manchmal können aktivistische Gruppen Informationen verzerren oder übertreiben, um ihre Agenda zu fördern, was zu Fehlinformationen führen kann.
Es lohnt sich zudem, die Selbstbilder und Motivationen der Aktivistinnen und Aktivisten genauer unter die Lupe zu nehmen. Psychologische Studien sehen hier neben positiven Aspekten auch problematische Bereiche.
Aktivismus kann Menschen mit finsteren Persönlichkeitsmerkmalen anziehen
Aktivismus wird oft mit Engagement für eine gute Sache in Verbindung gebracht. Und daraus können auch positive Einflüsse des Aktivismus für Demokratie und Gesellschaft folgen. Aktivismus hat aber oft auch Schattenseiten, weil er auch Menschen mit dunklen Persönlichkeitsmerkmalen anziehen kann. Daraus folgen mancherlei negative Aspekte des Aktivismus – auch für Demokratie und Gesellschaft, die oft unterbelichtet bleiben.
Die Psychologen Ann Krispenz und Alex Bertrams von der Universität Bern forschen zur dunklen Seite des Aktivismus. Sie entwerfen gerade eine Theorie, die sie bis dato als Dark-Ego-Vehicle-Principle (DEVP) bezeichnen.
Ihre Hypothese lautet, dass gewisse Formen des Aktivismus vor allem auf Menschen mit finsteren Persönlichkeiten anziehend wirken. Demnach würden Menschen mit narzisstischem Charakter, einem Hang zu Machtstreben, Manipulation und Psychopathie politische Ziele nicht vorrangig deshalb verfolgen, weil sie sich mit diesen identifizieren. Sie sind vielmehr getrieben vom Wunsch nach einer Bühne, auf der sie ihr Bedürfnis nach Bewunderung, Aufmerksamkeit, Geltung und moralischer Selbstüberhöhung befriedigen können.
Die beiden Psychologen überprüfen ihre Hypothese Schritt für Schritt und verfolgen damit das Ziel, von Grund auf eine Theorie zu errichten. Sie nehmen dafür vor allem Aktivismusformen und Themen unter die Lupe, die medial gerade sehr präsent sind, «weil diese für Narzissten wegen der damit verbundenen Aufmerksamkeit attraktiv sein müssten», wie Alex Bertrams erklärt.
Die Psychologen haben eine Studie mit fast 4000 Probanden im Fachjournal Current Psychology veröffentlicht, laut deren Resultate Personen mit dunklen Persönlichkeitsmerkmalen empfänglicher für antisemitische Anschauungen sind.
In einer weiteren in Current Psychology veröffentlichten Studie zeigte sich, dass narzisstische Persönlichkeitszüge mit stärkerem feministischem Engagement korrelierten.
In den Archives of Sexual Behaviour veröffentlichten Krispenz und Bertrams kürzlich die Prüfung ihrer Thesen im Bereich des LGBQ- und Gender-Identitätsaktivismus. Aus der Analyse der Daten von knapp 1300 Probanden aus den USA und Großbritannien schiessen die Psychologen, dass Personen mit höherem pathologischem grandiosem Narzissmus sich eher in diesen Themenfeldern engagieren. Für den Bereich des Umweltaktivismus, des Engagements gegen sexuelle Gewalt sowie für links-autoritäres Denken haben Krispenz und Bertrams ebenfalls Studien mit vergleichbaren Resultaten publiziert. Bislang unveröffentlichte Daten der beiden Wissenschaftler legen ihrer Meinung nach nahe, dass der gleiche Zusammenhang für Aktivisten gilt, die gegen das Recht auf Abtreibung kämpfen.
Mit derlei Ergebnissenn stehen die Berner Forscher nicht allein. Der Psychologe Hannes Zacher von der Universität Leipzig hat zu Beginn des Jahres 2024 im Fachjournal Personality and Individual Differences ähnliche Resultate veröffentlicht. Seine Auswertung der Daten von 839 Probanden aus Deutschland ergab ebenfalls eine Korrelation von aktivistischem Engagement für die Umwelt mit Wesenszügen, die der sogenannten Dunklen Triade zugeschrieben werden: unter anderem die Neigung zu Narzissmus und Machiavellismus. „Solche Bewegungen ziehen auch solche Leute an“, erklärt Zacher, „das sind dann eben manchmal Menschen, die weniger umwelt- als einflussbewegt sind.“ Die Resultate, so schreibt der Psychologe in seiner Studie, „liefern weitere empirische Belege für das Dark-Ego-Vehicle-Principle“.
Selbstverständlich müssen auch die Einschränkungen dieser Studien erwähnt werden. So betonen die Psychologen in sämtlichen Publikationen, dass sich aus den Ergebnissen nicht ableiten lasse, dass die beschrieben Aktivismusformen per se von Narzissmus getrieben seien und ausschließlich von unangenehmen Selbstdarstellern betrieben werden. Selbstverständlich bleibt Raum für ehrlich engagierte Aktivisten. So berichten Krispenz und Bertrams beispielsweise, dass ein altruistisch geprägter Charakter ebenfalls mit höherem Einsatz für die feministische Sache korreliert. Denn Aktivismus kann offenbar gleichzeitig dunkle und helle Persönlichkeiten anziehen.
Die Kernthese der Psychologen jedoch bleibt:
Sobald politische Anliegen viel Aufmerksamkeit erfahren, werden sie für Personen interessant, die dieses Rampenlicht für sich nutzen wollen und denen die Anliegen nur vordergründig am Herzen liegen. Das gilt gleichermassen für rechte und linke Anliegen.
Aktivistinnen und Aktivisten können in solchen Feldern viel Aufmerksamkeit erzielen und sich selbst einreden, besonders prosoziale, moralisch hochstehende Menschen zu sein. Vor allem narzisstische Züge sowie die Neigung zu Manipulation anderer spielten hier eine Rolle.
Personen mit solchen Charakterzügen können aktivistischen Bewegungen Schaden. Sie werden womöglich von der schweigenden Mehrheit als typisch für ein Anliegen wahrgenommen und beschädigen dieses.
Menschen mit ausgeprägtem Narzissmus, Geltungsdrang, Machtstreben, dem Bedürfnis nach Nervenkitzel und moralischer Selbstüberhöhung gelingt es in aktivistischen Bewegungen auch nicht selten, sich in den Vordergrund und ins Rampenlicht zu drängeln. Studien zeigen, dass insbesondere Narzissten stark nach Führungspositionen, politischem Einfluss, sozialem Status und Ruhm streben. Solche Charakterprofile stehen Forschungsresultaten zufolge auch in Zusammenhang mit einer Neigung zu Moralspektakel, geringerer Empathie sowie manipulativem und ausbeuterischem Verhalten.
Daraus lässt sich ableiten, dass sich entsprechende Personen in den für ihre Bedürfnisse attraktiven aktivistischen Bewegungen oft prominente Rollen erstreiten. Begünstigend wirkt dabei, dass die sozialen Medien ein Umfeld bieten, in dem hauptsächlich die schrillsten Stimmen Gehör und Publikum finden. Dunkle Persönlichkeiten sind hier also klar im Vorteil.
Bezogen auf das Thema Aktivismus existiert ein psychologisches Dilemma:
Einerseits braucht es eine gewisse Neigung zu Narzissmus, etwas Machtstreben und Selbstbewusstsein, um andere Menschen von einem politischen Ziel zu überzeugen.
Andererseits schreckt aber ein zu großes Mass davon das Publikum ab und beschädigt die politischen Anliegen.
Der Kampf für die gute und manchmal auch nur angeblich gute Sache lockt jedenfalls auch Gestalten aus dem Schatten, deren Persönlichkeit und Handeln häufig im Widerspruch zu ihrem Tugendgetöse stehen.
Als mögliche Lehre aus diesen Erkenntnissen empfiehlt der Journalist Sebastian Herrmann treffend in der «Süddeutschen»:
«Je lauter, schriller und unerbittlicher im Namen einer Moral gebrüllt wird, desto größer sollte die Vorsicht sein, mit der die betreffenden Personen und ihre Positionen betrachtet werden.»
Aktivismus als Ausdruck moralischer Identität
Der Philosoph Phillip Hübl befasst sich mit dem Thema Aktivismus in seinem Buch «Moralspektakel – Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht». Er unterscheidet zwischen «politischen Hobbyisten» und «politischen Idealisten».
► Politische Hobbyisten
Den politischen Hobbyisten geht es laut Hübl nicht um ihre Karriere oder um das Gemeinwohl, denn sie befassen sich mit politischen Themen, weil sie Engagement für sich genommen erfüllend finden:
«Sie sind eher aktivistisch, stellen tendenziell absolute Forderungen, zeigen wenig Kompromissbereitschaft und haben auch nicht den langen Atem für die nachhaltige Umsetzung eines Projekts wie einer Spielstrasse im Viertel. Gerade mit Aktionen wie digitalen Petitionen suchen sie den schnellen Kick. Bleiben sie erfolglos, sehen sie das eher als Bestätigung, dass die anderen die moralische Relevanz ihrer Forderungen nicht erkennen, nicht als persönliches Scheitern oder Anlass, sich noch stärker in ihre Kampagne einzubringen. Für Hobbyisten ist ihre politische Identität der verlängerte Arm ihrer moralischen Identität, mit der sie ihr Leben aufwerten.» (Seite 104)
► Politische Idealisten
Die politischen Idealisten betrachten ebenso wie die politischen Hobbyisten Aktivismus als Ausdruck ihrer moralischen Identität. Phillip Hübl schreibt dazu:
«Ihnen geht es wirklich um die Sache. In der Vergangenheit waren sie es, die mit ihren Ideen und ihrem Einsatz, mit Aktionen, Protesten und viel Opferbereitschaft den progressiven Wandel vorangetrieben haben. Doch je mehr Zeit, Energie, Geld oder Emotionen die Idealisten in ihre moralische Identität, speziell ihre politische Agenda, investiert haben, desto schwerer fällt es ihnen, ihre Prinzipien in Frage zu stellen. Im Extremfall werden sie zu Fanatikern, die man nicht nur im religiösen Fundamentalismus findet, sondern auch in Sekten, unter Anhängern von Verschwörungstheorien und in einigen politischen Bewegungen.» (Seite 104)
Aktivismus kann Leerstellen des Sinns mit Moral füllen:
«Weil Moral mit starken Emotionen verbunden ist, erhält das Gefühl moralischer Dringlichkeit bei einigen die existenzielle Schwere, die man sonst nur aus der Liebe oder der Religion kennt.» (Seite 105)
Fazit: Aktivismus hat einen wichtigen Platz in der Demokratie, kann sie in Bewegung halten und zu Fortschritten führen. Es ist aber sinnvoll, ihm nicht unkritisch zu begegnen und die Ziele, Methoden, Motive und Figuren, die sich in diesem Rahmen zeigen, immer wieder zu prüfen. Zudem ist blinder Aktivismus nicht zielführend. Der Pädagoge und Philosoph Paulo Freire (1921 – 1997) hat betont, dass Aktion und Reflexion Hand in Hand gehen müsse. Aktion ohne Reflexion bleibt blind und dreht sich oft im Kreis. Reflexion ohne Aktion bleibt abstrakt, vermeidet tendenziell Verantwortung und greift nicht verändern in die Welt ein.
Quietismus als Gegensatz zum Aktivismus
Als Gegensatz zum Aktivismus könnte man den Quietismus anführen (von lateinisch quietus «ruhig»). Ursprünglich wurde mit diesem Begriff eine Sonderform der christlichen Mystik, Theologie und Askese bezeichnet, die ihre Wurzeln im katholischen Bereich hat. Die Kernaussage des theologischen Quietismus liegt darin, dass der Mensch zunächst sein Ich völlig aufgeben und an Gott übergeben müsse, um danach in völliger Ruhe und Gleichmut zu leben. Im gegenwärtigen allgemeinen Sprachgebrauch dient der Ausdruck Quietismus jedoch oft zur abschätzigen Bezeichnung einer Lebens- und Geisteshaltung, die sich jeder ethischen Herausforderung durch Gleichgültigkeit, Passivität, Resignation oder Weltflucht entzieht. Als «Quietismus» kann aber auch neutraler eine Haltung oder Philosophie bezeichnet werden, die sich durch eine passive, zurückhaltende oder gleichgültige Einstellung gegenüber sozialen, politischen oder spirituellen Angelegenheiten auszeichnet. Quietismus kann auch als eine Form der Passivität betrachtet werden, bei der Individuen sich nicht aktiv an Veränderungen oder Auseinandersetzungen beteiligen.
In Bezug auf die Demokratie kann Quietismus als eine extreme Form der Passivität angesehen werden, bei der Menschen sich komplett von politischen Prozessen und gesellschaftlichen Fragen zurückziehen. Dies kann sowohl Vor- als auch Nachteile haben:
Vorteile:
- Innere Ruhe: Quietismus kann für Individuen ein Gefühl der inneren Ruhe und Zufriedenheit bieten, da sie sich nicht mit den oft stressigen und konfliktbeladenen Aspekten des Aktivismus auseinandersetzen.
- Vermeidung von Konflikten: Menschen, die quietistisch eingestellt sind, könnten weniger in politische oder soziale Konflikte verwickelt werden.
- Unempfänglichkeit gegen Fanatismus: Quietismus kann zu einer Art von Gleichgültigkeit führen, die unempfänglicher macht für Fanatismus und Extremismus.
Nachteile:
- Mangelnde Einflussnahme: Quietismus kann dazu führen, dass wichtige gesellschaftliche Themen ignoriert werden, was negative Auswirkungen auf die Demokratie haben kann.
- Verlust an Mitbestimmung: Wenn viele Menschen quietistisch sind, kann dies zu einer geringeren Bürgerbeteiligung führen und die demokratischen Prozesse schwächen.
- Demokratisches Dilemma: Liberale Demokratien verpflichten ihre Bürger nicht zu politischem Engagement und bieten nur die Möglichkeit dazu an. Gleichzeitig brauchen Demokratien aber ein gewisses Mass an Beteiligung, sonst zerbröckeln sie. Der Quietismus sollte daher auf keinen Fall überhand nehmen.
Quellen:
Psychologie: Aktivismus: Die dunkle Seite der guten Sache (Süddeutsche)
«Moralspektakel – Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht», von Philipp Hübel, Siedler Verlag 2024. Buchvorstellung hier.
Beitrag zum Stichwort «Quietismus» auf Wikipedia.
Siehe auch:
Bürgertugenden – weshalb sie für Demokratien wichtig sind
Paulo Freire: Aktion und Reflexion müssen Hand in Hand gehen