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Joachim Gauck zu Bequemlichkeit und Zeitenwende

28. Juni 2026

Der ehemalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat sich in einem Interview mit der «Welt am Sonntag» zur politischen Lage in Deutschland und Europa geäussert. Dabei kommt er auch auf die Bequemlichkeit zu sprechen, in der sich Europa in Bezug auf die Sicherheit eingerichtet hat:

«Es gab in Europa die große Bequemlichkeit, nicht zu viel in die eigene Sicherheit investieren zu wollen – weil man sich auf den großen Hüter von Freiheit und Recht verlassen und die realen Bedrohungen ausgeblendet hatte. Wenn dieser Hüter nun aussteigt, stehen wir in einer existenziellen Krise. Wir müssen uns also neu aufstellen. Bundeskanzler Scholz hielt zwar zu Beginn der russischen Vollinvasion die bekannte „Zeitenwende“-Rede, aber den Worten folgten zu wenig Taten. Inzwischen ertüchtigen wir uns militärisch. Dass einige Deutsche dennoch jede Wehrhaftigkeit gegenüber einem imperialistischen Russland ablehnen und glauben, durch „lieb gucken“ geschützt zu sein, ist reiner Eskapismus, wenn nicht gar Feigheit.»

Quelle:

„Es kommt zu einer gefühlten ‚Entheimatung‘. Darauf reagiert der Osten deutlicher als der Westen“ (WELT am Sonntag)

Ohne Paywall hier.

Woher kommen Bequemlichkeit und Eskapismus?

Joachim Gauck spricht in diesem Interview ein wichtiges Thema an.  Westeuropa hat glücklicherweise eine lange Phase hinter sich, in der es von Kriegen und tiefgreifenden Krisen verschont blieb.

Das hat wohl einen Eskapismus begünstigt – eine Realitätsverweigerung – die es möglich machte, sich in einer Bequemlichkeit einzurichten. Die Vorstellung, dass Krieg auch uns betreffen könnte, geriet stark aus dem Blick. Der gross angelegte Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und der Rückzug der USA aus der Verteidigung Europas stellt diese Bequemlichkeit stark in Frage.  Aber Eskapismus und Bequemlichkeit sind hartnäckig und vielen Menschen in Europa fällt es offensichtlich schwer, der drastisch veränderten geopolitischen Lage ins Auge zu sehen.

Demokratien müssen verteidigungsbereit sein, wenn sie gegen die „Achse der Autokraten“ (Anne Applebaum) bestehen wollen. Jede Bürgerin und jeder Bürger einer Demokratie steht vor der Frage, was er oder sie bereit ist zu tun für die Verteidigung der demokratischen Gesellschaft.

Für post-heroische Gesellschaften sind das ganz ungewohnte Fragen, vor allem für Menschen, die sich voll und ganz und ausschliesslich als Individuum sehen und ohne Verpflichtungen für ein grösseres Ganzes.

Aber diese Individuen verdanken ihre Freiheit, ihr Einkommen und ihre Sicherheit voll und ganz diesem demokratischen Rahmen. Als Individuen sind sie nichts.

Über solche unangenehmen Fragen müssen sich demokratische Gesellschaften in Westeuropa dringend Gedanken machen. Wie können wir uns wehrhaft machen als Gesellschaft, um Aggressoren abzuschrecken, und damit von Krieg möglichst verschont zu werden.

Einen Einstieg in dieses Thema bietet das Buch von Stefan Gady:

«Die Rückkehr des Krieges» (Buchvorstellung hier)

Ausserdem als Buchtipp:

«Die Achse der Autokraten – Korruption, Kontrolle, Propaganda: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten», von Anne Applebaum, Siedler Verlag 2024. Buchbeschreibung und Zitate.

Kategorie: Demokratie & Rechtsstaat, Europa Stichworte: Anne Applebaum, Applebaum, Autokraten, Demokratie, Demokratien, Deutschland, Diktatoren, Eskapismus, Europa, Feigheit, Freiheit, Gauck, Joachim Gauck, Korruption, Propaganda, Russland, Scholz, Stefan Gady, Ukraine, USA, Westeuropa, Zeitenwende

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