Wie entstehen Misstrauensgemeinschaften und weshalb sind sie elementar für Populismus und Verschwörungstheorien?
Dazu hat der Soziologe Aladin El-Mafaalani ein erhellendes und lesenswertes Buch geschrieben.
Vertrauen sei in komplexen Gesellschaften von immenser Bedeutung, weil wir von vielen und vielem abhängig sind, ohne dass wir diese Zusammenhänge nachvollziehen oder gar kontrollieren könnten.
Es sei nicht nur so, dass die Lebensführung aufwendiger wird, wenn man anderen Menschen mit Misstrauen begegnet, sondern man schliesse sich von Teilen des gesellschaftlichen Lebens selbst aus. Noch schwieriger werde es, wenn man grundlegenden Prozessen oder Strukturen misstraut, etwa den Medien, der Politik, den Banken, dem Gesundheitssystem oder staatlichen Behörden.
El-Mafaalani schreibt:
«Während man bestimmten Menschen misstrauen kann und anderen dennoch vertraut, schafft Misstrauen gegenüber Institutionen und Systemen ein enormes Problem. Und wenn man “dem System” misstraut, also Verantwortlichen, Expertinnen und Experten, Institutionen oder dem Staat, dann ist man regelrecht aufgeschmissen. Man droht handlungsunfähig zu werden.»
Und hier kommen die Misstrauensgemeinschaften ins Spiel.
Misstrauensgemeinschaften als quasi letzte Rettung
Was macht man also, wenn man ein derart ausgeprägtes Misstrauen aufgebaut hat?
El-Mafaalani schreibt als Antwort auf diese Frage:
«Man vertraut anderen Menschen, die misstrauen. Selbst dann, wenn diese Personen weder über Qualifikationen noch Kompetenzen noch Erfahrung im jeweiligen Bereich verfügen. Auch denn, wenn man diese Personen gar nicht kennt und ihre Vertrauenswürdigkeit damit überhaupt nicht beurteilen kann. Man vertraut anderen, die auch misstrauen, einzig und allein aufgrund des geteilten Misstrauens.»
So kommen die Misstrauensgemeinschaften zustande, die ein Kernelement bilden für Populismus und Verschwörungstheorien.
Quelle:
«Misstrauensgemeinschaften – Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungstheorien», von Aladin El-Mafaalani, Kiepenheuer & Witsch Verlag 2025. Buchvorstellung und Zitate.
Ausserdem zum Thema:
Misstrauen ist allerdings unverzichtbar – auch in Demokratie und Wissenschaft. Wer ganz ohne Misstrauen unterwegs ist, wird jedem Schlangenölverkäufer auf den Leim gehen – politisch und privat. Misstrauen im Übermass ist jedoch auch nicht lebbar, weder politisch noch privat. Also kommt es darauf an, welche Art von Misstrauen wir pflegen und in welchem Mass. Vor allem gilt es zu unterscheiden zwischen gesundem und toxischem Misstrauen. Mehr dazu hier: