Über Dummheit zu schreiben ist riskant, denn man läuft dabei immer Gefahr, als überheblich zu gelten. „Jeder, der über Dummheit spricht, setzt voraus, über den Dingen zu stehen, also klug zu sein, obwohl genau diese Anmaßung als Zeichen für Dummheit gilt.“ – Mit diesen Worten warnte der Schriftsteller Robert Musil in seiner «Rede über die Dummheit» schon 1937 seine Leserinnen und Leser. Deshalb gilt es festzuhalten, dass Jeder Mensch mit Dummheit zu tun hat – in unterschiedlichem Ausmass, in unterschiedlichen Bereichen oder in unterschiedlichen Phasen oder Zeitpunkten des Lebens. Niemand ist gefeit davor, einmalig, gelegentlich oder gar regelmässig «Dummheiten» zu begehen. Entscheidend ist dabei, ob und wie rasch wir diese erkennen und ob wir in der Lage sind, daraus Schlüsse zu ziehen (Aussenstehende erkennen Dummheiten manchmal leichter).
Dummheit wurde über Jahrtausende vor alle als Mangel an Intelligenz und Begabung verstanden. Im Gegensatz zu dieser klassischen Dummheit beschreibt der Psychotherapeut Michael Klein in einem Beitrag auf «Cicero» eine «postmoderne Dummheit in der Multimediagesellschaft», die er als Gefahr für die Demokratie sieht:
«Sie stellt eine Mischung aus verschiedensten Bestandteilen dar: Konformismus, Zugehörigkeitsstreben, mangelnde Wissensstrukturen, selektive Informationsauswahl, Ignoranz gegenüber anderen Informationen und übertriebene Emotionalität bis hin zur Hysterie sind die wichtigsten dieser modernen Ingredienzien von Dummheit. Es wird aufgrund der immensen Ausbreitung massenmedialer Kommunikation mit ihren unüberprüften Aussagen, Deepfakes und gezielten Manipulationen immer schwieriger, gerade Kinder und Jugendliche vor Dummheit zu schützen. Die heutigen Propagandatechniken erzeugen einen psychologischen Totalitarismus ungeahnten Ausmaßes. Menschen werden dazu gebracht, an Lügen zu glauben, die sie selbst nach Aufklärung immer noch für Wahrheit halten.»
Dummheit als mangelhafte Nutzung des Verstandes
Eine mangelhafte Nutzung des eigenen Verstandes führe zu grenzenloser Unmündigkeit, einem Zustand der chronifizierten Dummheit. Darin sieht Klein die zentrale Gefahr für die Demokratie:
«Die stärkste Gefahr für die heutige Demokratie kommt nicht von rechts oder links, sondern von der sich epidemisch verbreitenden Dummheit. Dies wiederum hat mit Mangel an kritischem, kontroversem und informiertem Denken in den Medien und zunehmend auch mit Qualitätsverlust im Bildungsbereich zu tun. Diese Merkmale erhöhen die Gefahren des massenmedialen Manipuliertwerdens, eines neuen Totalitarismus und in der Folge des blinden Extremismus. Es ist eine unfassbare Dummheit, politisch Andersdenkende mit Hass und Hetze statt mit Argumenten zu überziehen und sich gleichzeitig als Ritter gegen „Hass und Hetze“ zu inszenieren. Dieses Verhalten ist nicht nur offensichtlich unglaubwürdig, sondern von größter psychologischer Naivität.»
Die Grundlage der Demokratie ist die Teilnahme an demokratischen Prozessen (Wahlen, Abstimmungen) auf Basis einer informierten Meinung. Fehlt diese informierte Meinung infolge Bildungsdefiziten oder mangelhafter Nutzung des Verstandes, gefährdet das die Demokratie, wenn diese Art der Dummheit überhandnimmt. Die Psychiaterin Heidi Kastner sagt dazu im Interview mit der «Wiener Zeitung»:
«Nicht wahrzunehmen, in welcher Staatsform man lebt, und was die Voraussetzungen für das Funktionieren dieser Staatsform sind, ist eine Form von Dummheit. Wenn ich nicht weiß, worüber ich abstimme, ist es schwer, zu partizipieren. Und wenn immer mehr Menschen sich nicht informieren oder etwas Vorgekautes aus fragwürdigen Social Media-Auftritten nachplappern, und diese uninformierten Personen irgendwann die Mehrheit stellen, wird es schwierig für Andere, die die Mehrheitsmeinung hinnehmen müssen.»
Einen Grund für diese Entwicklung sieht Heidi Kastner darin, dass «man begonnen hat, eigene Meinung mit eigenen Fakten zu verwechseln und meint, dass jeder das Recht auf eigene Fakten hat.»:
«Es hat jeder das Recht auf eine eigene Meinung. Doch eine fundierte Meinung basiert auf Fakten. Wenn ich mir meine Fakten aber so zurechtmache, dass sie bloß meiner gefühlten Meinung entsprechen, wird Meinungsbildung zu Faktenbehauptung und führt zu „alternativen Wahrheiten“, die es nicht gibt. Sich das Recht herauszunehmen, die Fakten so zu interpretieren, wie man meint, und damit Unfundiertes als Grundlage für eine Allgemeingültigkeit herzunehmen, ist relativ neu.»
Quellen:
«GEFAHR FÜR DIE DEMOKRATIE: Die Dummheit als moderne Epidemie» (CICERO)
Ohne Paywall hier.
«Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen» (Wiener Zeitung)
Anmerkungen:
►Die hier beschriebene Art der Dummheit zeigt viele Ähnlichkeiten mit Ignoranz = Nicht-Wissen aufgrund von mangelndem Erkenntniswillen. Es stellt sich dringlich die Frage, wie man Menschen dazu motivieren kann, sich differenziert und fundiert mit politischen Fragen auseinanderzusetzen.
► Siehe auch: Idiokratie ersetzt Demokratie?