Die britische Schriftstellerin J.K. Rowling hat in sozialen Netzwerken einen scharf formulierten Beitrag publiziert und damit eine Debatte zum Umgang westlicher Menschenrechtsaktivisten mit den Protesten im Iran ausgelöst. Die Autorin der Harry Potter-Reihe kritisiert darin Teile der Szene, die den Westen lautstark kritisieren, aber zu den blutig niedergeschlagenen Demonstrationen gegen das iranische Regime weitgehend schweigen.
Ihr Beitrag wurde innerhalb kurzer Zeit fast neun Millionen Mal aufgerufen.
J. K. Rowling schrieb: »Wenn du vorgibst, für Menschenrechte einzutreten, es aber nicht über dich bringst, Solidarität mit Menschen zu zeigen, die im Iran für ihre Freiheit kämpfen, dann hast du dich selbst entlarvt.« Wer immer dann keine Empörung zeige, wenn es um die Gegner der eigenen Gegner gehe, dem gehe es nicht um Unterdrückte, sondern um Ideologie, schrieb Rowling weiter.
Rowling kritisierte in ihrem Beitrag vor allem Aktivisten, die regelmäßig Demonstrationen gegen westliche Staaten oder deren Verbündete organisierten, zeitgleich jedoch zur gegenwärtigen Protestbewegung im Iran schwiegen, die sich gegen ein repressives und gewalttätiges Regime richtet und auf einen fundamentalen politischen Wandel abzielt.
Speziell hob Rowling hervor, dass zahlreiche Stimmen, die sonst bei Kundgebungen unter Parolen wie »Free Palestine« präsent seien oder autoritäre Regime wie das von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro unterstützten, zu den Vorgängen im Iran keine Stellung nähmen. Viele Nutzer schlossen sich dieser Kritik an. Der Journalist Jonathan Herronoff fragte zum Beispiel: »Wo sind die Solidaritätsdemonstrationen auf den Straßen?« Auch der Kommentator Oli London stellte die Frage: »Wo sind die ›Free Palestine‹-Aktivisten, wenn es um Gerechtigkeit für das iranische Volk geht?«
Quelle:
Großbritannien: J.K. Rowling prangert Schweigen zu Iran-Protesten an (Jüdische Allgemeine)
J. K. Rowling trifft mit ihrer Kritik ins Schwarze
Das Schweigen vieler Menschenrechtsexperten zu den Iran-Protesten ist tatsächlich vielsagend. Besonders Aktivisten, die mit hochgradiger Empörung den Krieg im Gazastreifen kommentieren und dabei ausgesprochen manichäistisch einseitig Israel anprangern, bleiben zu den blutigen Massakern der Mullahs seltsam ungerührt. Woher kommt diese Schlagseite?
Ein wichtiger Grund dürfte sein, dass viele Menschrechtsaktivisten heute sehr deutlich mehr postkolonialistisch-identitätspolitisch eingefärbt sind als universalistisch.
Siehe dazu: Identitätspolitik versus Universalismus
Der Postkolonialismus geht von einer scharfen Trennung zwischen dem bösen (weissen) Norden als Täter und dem guten Globalen Süden als Opfer aus. In dieser Ideologie gilt Israel als (weisse) Täternation, was faktisch sehr verzerrt ist, und die Palästinenser als unschuldige Opfer (was faktisch ebenfalls sehr verzerrt ist).
In dieses Feind-Freund-Schema passen die Mullahs irgendwie nicht so recht rein. Denn sie gehören ja zum Globalen Süden und kämpfen gegen den Westen. Das sind halt die falschen Täter. Und sie haben das gleiche Feindbild wie viele der Postkolonialisten. Vielleicht müsste man das Gerücht verbreiten, dass die Mullahs heimlich von den Juden kontrolliert würden. Dann wäre Solidarität der postkolonialistischen Szene gewiss.
Siehe auch:
Postkolonialismus: Ideologie und Aktivismus erobern Universitäten
Wie Postkolonialismus Antisemitismus fördert und Terror legitimiert
Noam Petri & Franziska Sittig: «Die intellektuelle Selbstzerstörung» (Buchtipp)