Differenzverträglichkeit ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen einer funktionierenden Demokratie. Sie geht über den Begriff der «Toleranz» hinaus. Toleranz duldet andere Meinungen oder Haltungen, obwohl sie abgelehnt werden. Differenzverträglichkeit dagegen sieht die Meinungsvielfalt als Chance. Sie ist notwendig für das Gelingen einer multikulturellen Gesellschaft. Allerdings können nur Kulturen Differenzverträglichkeit erwarten oder gar einfordern, die sie umgekehrt gegenüber anderen auch bieten. Genauso wie Toleranz hat auch Differenzverträglichkeit also Grenzen und sie funktioniert wohl am besten auf der Basis eines Laizismus. Dieser setzt voraus, dass religiöse oder weltanschauliche Gruppen auf den Anspruch verzichten, ihre Regeln und Dogmen für die ganze Gesellschaft als verbindlich vorzuschreiben. Sie akzeptieren, dass ihre Glaubensüberzeugungen Privatsache sind und anerkennen das Primat der Verfassung.
Zum Laizismus siehe: Laizität / Laizismus
Extremismus und Identitätspolitik gefährden Differenzverträglichkeit
Extremismus jeder Art unterminiert Differenzverträglichkeit. Extremisten ertragen keine Differenz und können sie schon gar nicht als Chance sehen. Auch Identitätspolitik – egal ob sie sich politisch links, rechts oder islamistisch positioniert – gefährdet Differenzverträglichkeit. Das wird vor allem bei linker Identitätspolitik leicht übersehen, weil sie doch so nachdrücklich von Vielfalt und Diversität schwärmt und diese vehement einfordert. Das täuscht allerdings.
Der Forensiker und Extremismusexperte Jérôme Endrass sagt dazu in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger»:
«Es ist ein Problem, dass in gewissen Departements von britischen und amerikanischen Eliteuniversitäten deutlich über 90 Prozent der Uniangehörigen politisch links stehen. Eines der wichtigsten Kriterien in einer funktionierenden Demokratie ist die Differenzverträglichkeit: dass Meinungsvielfalt als Chance gesehen wird. Und da müssen wir aufpassen, dass eine Entwicklung aus den USA nicht auf die Schweiz überschwappt….
In den USA bedeutet «Vielfalt» fast nur noch «verschiedene Personengruppen» und nicht «verschiedene Meinungen». Wenn man Vielfalt nur noch auf das Aussehen, die Herkunft oder das Geschlecht reduziert, kann das dazu führen, dass man am Schluss eine äusserlich vielfältige Gruppe hat, die aber meinungsarm ist, weil gar keine abweichenden Ansichten mehr zu hören sind. Da besteht die Gefahr der Gleichschaltung.»
Quellen:
Psychologe im Interview:
«Wer den Tod von Charlie Kirk bejubelt, hat die Grenze zum Extremismus überschritten» (Tages-Anzeiger)
Von der Toleranz zur Differenzverträglichkeit (Hans Saner)
Ergänzungen:
► Buchtipp passend zum Thema «Differenzverträglichkeit»:
«Die Fallen des Multikulturalismus – Laizität und Menschenrechte in einer vielfältigen Gesellschaft», von Cinzia Sciuto, Rotpunktverlag 2020. Buchbeschreibung und Zitate.
►Weitere Texte:
Debattenkultur in der Demokratie
Identitätspolitik als Gift für die Demokratie