Patriotismus hat in demokratischen Gesellschaften in weiten Kreisen einen zweifelhaften Ruf. Der Begriff tönt antiquiert. Er wird oft in die Nähe von nationalistischen oder gar kriegerischen Bestrebungen gerückt. Dass Patriotismus kriegerische Exzesse fördern kann, lässt sich nicht von der Hand weisen. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, ob Demokratien ohne eine gesunde Form des Patriotismus genug Zusammenhalt haben und verteidigungsfähig sein können.
Die Demokratien Westeuropas genossen eine lange Friedenszeit mit verhältnismässig hoher Stabilität. Die Vorstellung von Patriotismus ist in dieser Zeit für viele Menschen überflüssig geworden. Angesichts des russischen Angriffskrieges in der Ukraine und einer «Achse der Autokraten» (Anne Applebaum), die aggressiv gegen Demokratien auftritt, stellt sich aber die Frage nach einer gesunden Form des Patriotismus mit neuer Dringlichkeit. Ohne eine gesunde Form des Patriotismus ist es fraglich, ob Demokratien den Angriffen von Autokratien standhalten können.
Patriotismus mit gegensätzlichen Effekten für die Demokratie
Patriotismus kann in der Demokratie eine komplexe Rolle spielen und sehr gegensätzliche Effekte auslösen. Man versteht darunter oft die Liebe und Loyalität zu einem Land und seinen Werten. In einer demokratischen Gesellschaft kann Patriotismus dazu beitragen, ein Gefühl der Gemeinschaft und Identität unter den Bürgern zu fördern. Er kann auch dazu führen, dass Menschen aktiver am politischen Prozess teilnehmen, sich für die Werte und Prinzipien ihrer Nation einsetzen und sich um das Wohl ihrer Mitbürger kümmern.
Übertriebener Patriotismus kann aber auch negative Auswirkungen haben, wie zum Beispiel einen Nationalismus, der Minderheiten oder andere Nationen ausschliesst oder diskriminieren kann. Eine gesunde Form des Patriotismus sollte deshalb die Werte der Demokratie, wie Toleranz, Vielfalt und den Respekt vor den Rechten aller Bürger, unterstützen.
Patriotismus kann also insgesamt sowohl positive als auch negative Aspekte haben, und seine Bedeutung für die Demokratie hängt von der Art und Weise ab, wie er praktiziert wird.
Formen und Ausprägungen des Patriotismus
Patriotismus kann in sehr unterschiedlichen Formen und Ausprägungen auftreten. Wichtige Formen sind:
► Nationalistisch geprägter Patriotismus: Diese intensive Form ist oft mit der Überzeugung verbunden, dass die eigene Nation überlegen ist und ihre Interessen über die Interessen anderer Länder zu stellen sind. Kommt noch ein militärischer Patriotismus hinzu, kann das die Verteidigungsfähigkeit stärken, aber auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Ländern führen.
►Verfassungspatriotismus: Diese Form betont die Loyalität gegenüber der Verfassung und damit den Werten und Prinzipien eines Staates, wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, anstatt nur die Nation als geografische Einheit zu unterstützen.
► Kultureller Patriotismus: Er bezieht sich auf die Wertschätzung und den Stolz auf die eigene Kultur, Traditionen, Sprache und Geschichte.
Reicht ein Verfassungspatriotismus?
Der nationalistisch geprägte Patriotismus enthält oft eine ethnische Komponente. In Ländern wie Japan oder Italien, deren Geschichte mit bestimmten Völkern verbunden ist, wird auf dieser Grundlage den von den ursprünglichen Bewohnern abstammenden Bürgern eine besondere Stellung eingeräumt. Es ist vollkommen in Ordnung, die spezielle historische Rolle bestimmter Gruppen bei der Entstehung einer Nation in Ehren zu halten. Allerdings muss Einwanderern und ihren Nachkommen die Möglichkeit gegeben werden, künftig eine gleichwertige Rolle in dieser Nation einzunehmen – zum Beispiel durch Einbürgerung.
Länder mit einer diverseren Entstehungsgeschichte wie Indien oder die USA, die auf der Basis von Idealen wie politischer Freiheit gegründet wurden, haben lange ihre Gründungsdokumente als Quelle einer gemeinsamen Identität betrachtet. Ein solcher Verfassungspatriotismus kann hoch diversen Nationen helfen, auf der Basis gemeinsamer Ideale und Ziele zu agieren. Im Gegensatz zum ethnisch-nationalistischen Patriotismus erlaubt es der Verfassungspatriotismus jedem, der bereit ist, sich auf gemeinsame politische Werte einzulassen, ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft zu werden. Eine derart multiethnische Gesellschaft ist anspruchsvoll und gelingt wohl am besten auf einer laizistischen Grundlage.
Siehe dazu:
Multikulturalismus – ein ambivalentes Konzept für Demokratien
Man kann auch mit guten Gründen davon ausgehen, dass der Verfassungspatriotismus Länder weniger leicht in internationale Konflikte stürzt als ethnisch-nationalistische Formen des Patriotismus. Die Liebe zu einem Land, die auf dem Glauben an eine angeborene Überlegenheit der eigenen ethnischen Gruppe basiert, bietet Leuten, die die legitimen Interessen anderer Nationen missachten wollen, eine billige Ausrede. Eine Nation dagegen, die auf der Bedeutung von Selbstbestimmung basiert, sollte anerkennen können, dass auch andere Länder ein legitimes Interesse haben, sich selbst zu regieren.
Der Verfassungspatriotismus dürfte also besser als der ethnisch-nationalistische Patriotismus in der Lage sein, Neuankömmlinge in die Gemeinschaft aufzunehmen und eine sinnvolle internationale Zusammenarbeit zu gewährleisten. Der Verfassungspatriotismus gibt den Bürgern eines Landes Anlass, stolz auf ihr Land zu sein, ohne in Fanatismus oder Chauvinismus zu verfallen.
Trotz all dieser Vorteile spricht viel dafür, dass der Verfassungspatriotismus allein nicht ausreicht, um Demokratien gegen Autokratien resistent und verteidigungsbereit zu machen. Echtes Interesse oder gar Liebe zu Verfassungsdokumenten bleibt immer auf eine kleine politisch interessierte Minderheit beschränkt. Der Verfassungspatriotismus kommt eher nüchtern daher und stellt abstrakte politische Prinzipien ins Zentrum unseres kollektiven Empfindens. Er spricht Emotionen meist weniger stark an als ein ethnisch-nationalistischer Patriotismus.
Zwar trägt ein Verfassungspatriotismus durchaus dazu bei, divers zusammengesetzte Demokratien zu stützen. Soll jedoch ein inklusiver Patriotismus wirksam werden, der grössere Teile der Bevölkerung mitnimmt und die Zuneigung der meisten Bürger zu ihrer Nation umfassend ausdrückt, brauchen wir eine weitere Dimension: den Kulturpatriotismus.
Kulturpatriotismus
Die meisten Menschen, die ihr Land lieben, tun dies nicht wegen der Verfassung. Die Liebe bezieht sich viel öfters auf kulturelle und regionale Besonderheiten, über die Menschen sich freuen und auf die sie stolz sind. Das kann die Basler Fasnacht sein, Kindheitserinnerungen an einen Besuch im Verkehrshaus in Luzern, die Verwurzelung in einem lokalen Sport- oder Musikverein, ein Schwingerfest und vieles andere mehr. Viele Menschen ziehen ihre Identität zudem nicht hauptsächlich oder ausschliesslich aus ihrer nationalen Zugehörigkeit als Deutscher, Schweizer oder Österreicher. Sie fühlen sich ebenso stark regional verankert als Berner, Bayer oder Tiroler. Sie sind stark geprägt von einer regionalen Kultur.
Der Politologe Yascha Mounk plädiert dafür, den Verfassungspatriotismus mit einem Kulturpatriotismus zu ergänzen, der aber nicht vergangenheitsfixiert und nicht homogen sein dürfe.
Für divers zusammengesetzte Demokratien wird es zunehmen zu einer Überlebensfrage, einen gesunden, inklusiven Patriotismus zu finden und zu pflegen. Ein solcher Patriotismus kann für den notwendigen Zusammenhalt in diesen Gesellschaften sorgen. Darüber hinaus ist er eine Basis dafür, dass ausreichend viele Bürgerinnen und Bürger bereit sind, Demokratie und Rechtsstaat gegen Angriffe von Autokratien zu verteidigen.
Quelle:
«Das grosse Experiment – Wie Diversität die Demokratie bedroht und bereichert», von Yascha Mounk, Droemer 2022.