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Forschungsgerechtigkeit – gutgemeintes Konzept unterminiert Wissenschaft

29. August 2025

«Forschungsgerechtigkeit» ist ein wohltönender Begriff, der jedoch tiefgreifende Konsequenzen für die Wissenschaft mit sich bringt. «Forschungsgerechtigkeit» als Konzept taucht auf im Kontext von Identitätspolitik und Postkolonialismus, hat aber auch Wurzeln im Postmodernismus.

Das Konzept der „Forschungsgerechtigkeit“ fordert faire und ethische Durchführung von Forschung, hauptsächlich in Bezug auf indigene und marginalisierte Gemeinschaften. Es zielt darauf ab, die Machtverhältnisse in der Forschung zu hinterfragen und sicherzustellen, dass die betroffenen Gemeinschaften in den Forschungsprozess einbezogen werden und von den Resultaten profitieren.

Im Zusammenhang mit dem Postkolonialismus wird Forschungsgerechtigkeit häufig als ein Mittel betrachtet, um die historischen Ungerechtigkeiten und die Machtungleichheiten anzusprechen, die aus kolonialen Strukturen folgen. Postkoloniale Theorien kritisieren die dominanten Narrative und Wissensproduktionen, die oft von kolonialen Perspektiven geprägt sind. Forschungsgerechtigkeit versucht, alternative Stimmen und Wissenssysteme zu validieren und ihnen die Kontrolle über die eigene Geschichte und Identität zurückzugeben.

In diesem Kontext wird Forschung nicht nur als ein neutrales Unterfangen betrachtet, sondern als ein Prozess, der soziale Gerechtigkeit fördern und die Stimmen derjenigen, die traditionell marginalisiert wurden, stärken sollte. Dies kann durch partizipative Methoden, die Einbeziehung von Gemeinschaften in die Forschung und die Berücksichtigung lokaler Wissenssysteme erreicht werden.

Das tönt sehr unterstützenswert und ist auch gut gemeint. Genauer betrachtet gibt es bei der konkreten Umsetzung allerdings zahlreiche Haken. Häufig kommt es zu einer Unterminierung von wissenschaftlichen Standards sowie zur Vermischung von Wissenschaft und Aktivismus. 

Forschungsgerechtigkeit unterminiert wissenschaftliche Standards

Das geschieht zum Beispiel, wenn Akademiker in ihren Publikationen bevorzugt Frauen und Angehörige von Minderheiten zitieren und Verweise auf weisse Männer auf ein Mindestmass beschränken sollten, weil empirische Forschung, die sich auf evidenzbasierte und argumentative Wissensproduktion berufe, ein ungerechtes kulturelles Konstrukt privilegierter weisser Menschen aus dem Westen sei.

Das Konzept der «Forschungsgerechtigkeit» basiert auf der Überzeugung, dass Wissenschaft, Vernunft, Empirismus, Objektivität und Universalität als Mittel zur Erlangung von Wissen überbewertet und Emotionen, Erfahrungen, traditionelle Narrative, Sitten und spirituelle Überzeugungen unterbewertet sind.

 Im Sinne der «Forschungsgerechtigkeit» besteht in der Folge die moralische Verpflichtung, neben rigoroser Forschung aus «andere Formen der Forschung» zuzulassen, dazu gehören zum Beispiel Aberglaube, Astrologie, spirituelle Überzeugungen, kulturelle Traditionen und Überzeugungen, sowie identitätsbasierte Erfahrungen und Emotionen.

Hintergrund dieser Konzepte ist die postmoderne Vorstellung, dass Wissen sozial konstruiert und von Machthierarchien bestimmt ist. Wissen ist in dieser Vorstellung ein Machtkonstrukt, das sich dadurch formt, wie wir über Dinge reden.

Dabei wird ein wahrer Kern – nämlich dass soziale Einflüsse und Machteffekte bei der Wissensproduktion vorkommen können – aufgeblasen und absolut gesetzt. Und es ist oft nicht wirklich unterscheidbar, ob die postulierten sozialen Einflüsse und Machthierarchien unterstellt oder real vorhanden sind.

Ändert man die Art, wie über die Dinge geredet wird, so ändern sich dadurch die Machtkonstrukte. Diese typisch postmoderne Vorstellung, trägt dazu bei, dass Forschung stark aktivistisch aufgeladen wird.

Helen Pluckrose und James Lindsay schreiben dazu in ihrem Buch «Zynische Theorien»:

«Letztlich läuft “Forschungsgerechtigkeit“ darauf hinaus, wissenschaftliche Werke nicht nach ihrer wissenschaftlichen Strenge oder ihrer Qualität, sondern nach der Identität ihrer Schöpfer zu beurteilen, und dabei diejenigen Wissenschaftler vorzuziehen, die nach dem Verständnis der postkolonialen Theorie als marginalisiert zu betrachten sind, aber nur dann, wenn sie bei der Wissensproduktion Methoden befürworten und Schlüsse ziehen, die mit denen der postkolonialen Theorie übereinstimmen. Für Postkolonialisten ist dieser Schachzug nur allzu verständlich, weil sie davon ausgehen, dass es keine objektiven Kriterien für wissenschaftliche Strenge und Qualität, sondern nur Privilegierte und Marginalisierte gibt. In der Wissenschaft (einschliesslich der Sozialwissenschaft) gibt es jedoch ein objektives Kriterium für Qualität, nämlich die Übereinstimmung mit der Realität. Manche wissenschaftliche Theorien funktionieren und andere nicht. Es ist schwer zu erkenne, wie wissenschaftliche Theorien, die aufgrund ihrer mangelnden Realitätsnähe funktionsuntüchtig sind, marginalisierten Menschen oder sonst irgendjemandem nutzen sollten.» (Seite 93).

Wie unterscheiden sich Aktivismus und Wissenschaft?

Weil sich im Kontext einer postulierten «Forschungsgerechtigkeit» Aktivismus und wissenschaftliche Ansätze oft vermischen, ist es wichtig, sich die Unterschiede zwischen diesen beiden Bereichen klarzumachen. Hier dazu wichtige Punkte:

  1. Zielsetzung: Während Aktivismus oft darauf abzielt, Veränderungen in der Gesellschaft herbeizuführen oder bestimmte politische Ziele zu verfolgen, hat die Forschung das Ziel, Wissen zu generieren und zu verbreiten. Positiv gedeutet versucht Forschungsgerechtigkeit, diese beiden Ansätze zu verbinden, indem sie danach strebt, dass Forschung nicht nur objektiv ist, sondern auch die Bedürfnisse und Perspektiven der Gemeinschaften berücksichtigt. Offen bleibt, ob das gelingt.
  2. Methoden: Forschung verwendet systematische Methoden zur Datensammlung und -analyse, während Aktivismus oft auf Mobilisierung, Kampagnen und direkte Aktionen fokussiert ist. Forschungsgerechtigkeit kann partizipative Methoden einbeziehen, die den Gemeinschaften mehr Kontrolle über den Forschungsprozess geben, was eine Überschneidung zwischen den beiden Bereichen darstellt.
  3. Ergebnisse: In der Forschung werden Ergebnisse oft in Form von Studien, Berichten oder Publikationen präsentiert, während Aktivismus oft auf unmittelbare Veränderungen abzielt, wie z.B. Gesetzesänderungen oder gesellschaftliche Mobilisierung. Forschungsgerechtigkeit kann jedoch auch darauf abzielen, dass Forschungsergebnisse in die Praxis umgesetzt werden, um positive Veränderungen zu bewirken.
  4. Neutralität: Traditionell wird von Wissenschaftlern erwartet, dass sie eine neutrale Position einnehmen. Forschungsgerechtigkeit fordert jedoch eine Reflexion über Machtverhältnisse und die Verantwortung der Forscher gegenüber den Gemeinschaften, was zu einer Abkehr von der reinen Neutralität führen kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Forschungsgerechtigkeit oft Elemente des Aktivismus integriert. Sie tut dies mit dem Anspruch, wissenschaftliche Integrität zu wahren und gleichzeitig die Stimmen und Bedürfnisse der betroffenen Gemeinschaften zu berücksichtigen. Ob das gelingen kann, bleibt allerdings sehr fraglich. Es handelt sich um einen hybriden Ansatz, der sowohl die rigorose Erzeugung von Wissen als auch das Streben nach sozialer Gerechtigkeit zu umfassen verspricht. Der kritischste Punkt dabei dürfte darin liegen, dass das Konzept der Forschungsgerechtigkeit auf einem fragwürdigen postmodernen Wissensbegriff  basiert. Wenn Wissen sowieso nur ein Ausfluss von Machthierarchien ist, dann verliert sich die Bedeutung von «Wissen» im Nebel.

Pluckrose & Lindsay schreiben:

«…..zwischen Aktivismus und Lehre besteht ein fundamentaler Unterschied: Aktivismus gründet auf der Annahme, die Wahrheit zu kennen, und zwar mit ausreichender Sicherheit, um als Handlungsgrundlage zu dienen; die akademische Lehre hingegen ist sich bewusst, dass sie die Wahrheit nicht mit Sicherheit kennt, und strebt danach, ihr Wissen zu erweitern.» (Seite 70)

Ist Forschungsgerechtigkeit wirksam?

Es stellt sich zudem die Frage, ob Forschungsgerechtigkeit ihre selbstgestellten Ziele und Ansprüche erfüllt, und sich positiv für real oder eingebildet marginalisierte Gruppen auswirkt. Wie schon Pluckrose & Lindsay erwähnten, spricht viel dafür, dass solchen Gruppen mit unsauberer, aktivistisch eingefärbter Forschung nicht wirklich geholfen wird. Gut gemeint ist nicht immer auch gut gemacht. Das zeigte sich schon bei den Diversity-Programmen (mehr dazu hier). Mentoring-Programme und bessere Vernetzung zeigten bessere Resultate für Personen aus marginalisierten Gruppen. Das Konzept der Forschungsgerechtigkeit könnte eine ähnliche Sackgasse sein wie Diversity-Programme.

Ein vergleichbar fragwürdiges Konzept im Bereich der Identitätspolitik ist die Standpunkttheorie. Siehe dazu: Standpunkttheorie der Identitätspolitik unterminiert Wissenschaft und Demokratie

Die Standpunkttheorie und das Konzept der Forschungsgerechtigkeit greifen beide ein Kernelement wissenschaftlichen Denkens an: Entscheidend ist im wissenschaftlichen Denken die Güte des Arguments – nicht jedoch, wer es äussert.

In der Standpunkttheorie und auch im Konzept der Forschungsgerechtigkeit ist entscheidend, wer etwas sagt und aus welcher Position etwas gesagt wird, während die Güte des Arguments zweitrangig bis irrelevant wird. Das entzieht jeder ernsthaften, seriösen Wissenschaft den Boden, auf dem sie steht.

Quellen:

„Zynische Theorien: Wie aktivistische Wissenschaft Race, Gender und Identität über alles stellt – und warum das niemandem nützt“, von Helen Pluckrose und James Lindsay, C. H. Beck Verlag 2022. Siehe dazu auch: Buchbesprechung und Zitate.

Unterstützt durch ECOSIA AI

Siehe auch:

Standpunkttheorie der Identitätspolitik unterminiert Wissenschaft und Demokratie

Was ist Identitätspolitik?

Kategorie: Identitätspolitik, Uncategorized Stichworte: Aktivismus, Demokratie, Diversity, Diversity-Programme, Forschungsgerechtigkeit, Gender, Gerechtigkeit, Helen Pluckrose, Identität, Identitätspolitik, James Lindsey, Minderheiten, postkoloniale Theorie, Postkolonialismus, Standpunkttheorie, Wahrheit, Wissenschaft

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