Die Wirtschaftsexpertin und Journalistin Ulrike Herrmann hat dem Tages-Anzeiger ein ausführliches Interview gegeben. Darin kommt sie auch auf Korruption als Putins Kriegswaffe zu sprechen:
«Putin nutzt Korruption als Kriegswaffe. Man muss verstehen, dass die Korruption in Russland und der Ukraine eine lange, gemeinsame Geschichte hat. Schon das Zarenreich war korrupt, die Bolschewisten waren es, und Putin hat dieses System später perfektioniert. Als sich die Sowjetunion 1991 auflöste, erbte die Ukraine genau diese Strukturen. Die ersten Oligarchen der Ukraine waren ehemalige kommunistische Machthaber oder Leiter der grossen Staatsbetriebe. Sie plünderten die Ukraine aus und bereicherten sich selbst. Putin kannte diese Strukturen sehr genau, weil sie deckungsgleich mit Russland waren. Für ihn war Korruption über Jahrzehnte der billigste und effektivste Weg, die Ukraine zu kontrollieren, ohne einen einzigen Schuss abzugeben.»
In der Praxis habe dieses System so funktioniert, dass Putin prorussische Oligarchen in der Ukraine gezielt mit Geld und Privilegien ausstattete, etwa indem sie Anteile an russischen Pipelines oder Ölfeldern bekamen bei denen Milliarden abgezweigt werden konnten. Ulrike Herrmann führt weiter aus:
«Mit dem schmutzigen Geld haben Putins Leute in der Ukraine Fernsehsender gekauft und Parteien gegründet. Das Ziel war, die Ukraine von innen heraus zu destabilisieren und zu korrumpieren, sodass sie als souveräner Staat faktisch aufhört zu existieren und eine Marionette Moskaus bleibt. Putin dachte, er könne die ukrainische Elite einfach auf seiner Gehaltsliste behalten……. Als Selenskyj im Februar 2021 anfing, die Fernsehkanäle von Viktor Medwedtschuk, Putins wichtigstem ukrainischem Vertrauten, zu schliessen, war für den Kreml klar: Die Waffe der Korruption funktioniert nicht mehr. Putin konnte die Ukraine nicht mehr kaufen. Der militärische Angriff im Jahr darauf war das direkte Eingeständnis, dass seine bisherige «Geldwaffe» kläglich gescheitert war. Er schickte die Armee, weil Bestechung nicht mehr funktionierte.»
Quelle:
Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann:
«Deshalb wird Putin Krieg führen, solange er lebt» (Tages-Anzeiger, Abo)
Wer ist Ulrike Herrmann – und hat sie Recht?
Ulrike Herrmann ist eine der bekanntesten Wirtschaftsjournalistinnen Deutschlands. Sie hat einige Bestseller zu ökonomischen Themen geschrieben. Seit 2000 arbeitet sie bei der linken Tageszeitung taz. Dort war Ulrike Herrmann zunächst Leiterin der Meinungsredaktion und Parlamentskorrespondentin. Seit dem Jahr 2006 ist sie Wirtschaftskorrespondentin.
Ihre Erklärung für Putins Angriffskrieg auf die Ukraine. Dass sie als Wirtschaftsexpertin eine ökonomische Erklärung für den Überfall anbietet, ist nahe liegend. Allerdings dürften darüber hinaus weitere Faktoren mitgespielt haben: Putins Angst vor einem vor einem überspringen der Demokratiebewegung auf Russland. Putins Sehnsucht nach der Wiederherstellung eines russischen Imperiums.
Siehe auch:
Historiker Yuval Noah Harari warnt vor Russlands Imperialismus
Irredentismus in Putin’s Russland als Grundlage für Aggression