Die Aufklärung hatte eine entscheidende Bedeutung für die Entwicklung der Demokratie. Sie war eine intellektuelle Bewegung im 17. und 18. Jahrhundert, die sich auf Vernunft, Wissenschaft und individuelle Freiheit konzentrierte. Hier sind einige zentrale Aspekte, wie die Aufklärung zur Demokratie beitrug:
- Vernunft und Rationalität: Die Aufklärung förderte das Denken und die Anwendung von Vernunft als Grundlage für Entscheidungen und Gesellschaftsorganisation. Dies führte zu einem kritischen Hinterfragen von Autoritäten und Traditionen, was die Entwicklung demokratischer Ideen begünstigte.
- Menschenrechte: Aufklärer wie John Locke (1632 – 1704) und Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) argumentierten für die natürlichen Rechte des Individuums, wie das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum. Diese Ideen sind fundamental für moderne demokratische Systeme.
- Gesellschaftsvertrag: Die Vorstellung eines Gesellschaftsvertrags, in dem die Regierung ihre Macht von den Bürgern ableitet, war ein zentrales Konzept der Aufklärung. Dies legte den Grundstein für die Idee der Volkssouveränität, die in demokratischen Systemen verankert ist.
- Bildung und Aufklärung: Die Aufklärung betonte die Bedeutung von Bildung und Wissen für alle Bürger. Eine informierte Bürgerschaft ist entscheidend für eine funktionierende Demokratie, da sie in der Lage ist, fundierte Entscheidungen zu treffen.
- Trennung von Kirche und Staat: Viele Aufklärer plädierten für die Trennung von religiösen und politischen Institutionen, was die Grundlage für die Religionsfreiheit und die pluralistische Gesellschaft in demokratischen Staaten schuf.
Insgesamt hat die Aufklärung die Grundlagen für moderne demokratische Prinzipien und Institutionen gelegt, indem sie die Bedeutung von Freiheit, Gleichheit und der Herrschaft des Volkes betonte.
Die Prinzipien der Aufklärung sind die Basis der liberalen Demokratie
Ein vulgäres Demokratieverständnis sei auch ohne Aufklärung möglich, schreibt Markus Tiedemann in seinem Buch «Post-Aufklärungs-Gesellschaft». Doch die liberale, rechtsstaatliche Demokratie sei bedroht, wenn es in der Bevölkerung an einer aufgeklärten Grundhaltung mangle: «Trotz möglicher Wahlfälschungen ist davon auszugehen, dass Wladimir Putin von der Mehrheit der russischen Wahlberechtigten gewählt wurde. Er besitzt also ein demokratisches Mandat.» Selbiges gelte auch für Viktor Orbán oder Recep Tayyip Erdoğan. Ohne die Prinzipien der Aufklärung verkommen Demokratien zu Scheindemokratien.
Tiedemann: «Bürger und politische Parteien, die sich den Prinzipien der Aufklärung verpflichtet fühlen, tragen eine gesunde Skepsis und Abneigung gegen Demagogen in sich.» Sie verstehen es zu unterscheiden zwischen bloss rhetorischen Fassaden und richtigen Gedanken. Sie können das, weil ihnen zwei Fragen zur zweiten Natur geworden sind: Was genau heisst das?» und «Woher wissen wir, dass es so ist?».
Markus Tiedemann schreibt:
«Es sind die Prinzipien der Aufklärung, auf denen liberale Demokratien beruhen, in denen sich human leben lässt….Sowohl kapitalistischer Gewinnindividualismus als auch Herdendemokratie sind ohne Aufklärung möglich. In einer Gesellschaft, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlt, ist Politik indes mehr als ein Instrument zur Durchsetzung persönlicher Interessen. Politische Wachsamkeit und Partizipation sind zugleich Bürgerpflicht und Garant der Freiheit. Der Citoyen kultiviert das Prinzip der rationalen Rechtfertigung. Er verlangt von sich und anderen das Geben von Gründen und empfindet Wertschätzung für alle Institutionen, die diesen Prozess garantieren.
Wer…..Faktizität und Objektivität relativiert, entzieht dem aufgeklärten Prozess der Rechtfertigung den Boden. Demokratie verstanden als Mehrheitsherrschaft oder Liberalismus verstanden als kapitalistischer Individualismus sind weiterhin möglich. Demokratische Rechtsstaaten beginnen indes zu zerfallen. Postfaktizität und Rechtsstaat sind inkompatibel. Echte Demokratie braucht Wahrheit. Mit den normativen Grundsätzen der Aufklärung verhält es sich nicht anders. Auch sie sind für einen demokratischen Rechtsstaat unverzichtbar.»
Quelle:
«Post-Aufklärungs-Gesellschaft – Was wir verlieren und was uns bevorsteht», von Markus Tiedemann, Brill/Mentis Verlag 2023. Siehe dazu auch: Buchbeschreibung und Zitate.
Gegner der Aufklärung und damit der liberalen Demokratie
Die Aufklärung und damit die liberale Demokratie hat in der Vergangenheit und in der Gegenwart viele Gegner.
► Vergangenheit
Die Aufklärung stiess rasch auf vielfältigen Widerstand:
- Religiöse Autoritäten: In der Zeit der Aufklärung standen zahlreiche Aufklärer in Opposition zu mächtigen religiösen Institutionen, die dogmatische Glaubenssysteme vertraten und die Vernunft und wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnten. Dies galt vor allem für die katholische Kirche und ihre Dogmen.
- Absolutistische Monarchien: Monarchen, die ihre Macht als von Gott gegeben ansahen und die Ideen von Freiheit und Gleichheit ablehnten, waren Gegner der aufklärerischen Gedanken. Beispiele sind Ludwig XIV. von Frankreich und andere absolutistische Herrscher.
- Traditionelle Denker: Philosophen und Denker, die an alten Traditionen festhielten und gegen die neuen Ideen der Aufklärung opponierten, trugen zur Ablehnung der aufklärerischen Prinzipien bei. Ein Beispiel ist der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813 – 1855). Er kritisierte die Aufklärung für ihre Betonung der rationalen Erkenntnis und argumentierte, dass der individuelle Glaube und die persönliche Erfahrung wichtiger seien als rein rationale Überlegungen.
► Gegenwart
Auch in der Gegenwart wird die Aufklärung von verschiedenen Seiten abgelehnt oder angegriffen. Zum Beispiel:
1. Anti-Wissenschaftsbewegungen: Gruppen, die wissenschaftliche Erkenntnisse und rationale Argumentation ablehnen. Dazu gehören zum Beispiel:
- manche esoterischen Strömungen;
- religiös motivierte Kreationisten mit ihrer Ablehnung der Evolutionslehre;
- links-identitätspolitisch geprägte Leugner der Evolutionsbiologie, die faktenwidrig die Existenz von mehr als zwei Geschlechtern behaupten;
- Leugner der menschengemachten Klimaerwärmung, die hauptsächlich auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu finden sind.
2. Populismus und Nationalismus: Populistische und nationalistische Bewegungen, die häufig gegen die Werte der Aufklärung wie Toleranz, Pluralismus und Menschenrechte agieren, können als Bedrohung für die aufklärerischen Ideen betrachtet werden.
3. Extremistische Ideologien: Sowohl religiöse als auch ideologische Extremisten, die Gewalt und Intoleranz propagieren, stehen im Widerspruch zu den Prinzipien der Aufklärung, die Vernunft, Freiheit und Menschenrechte betonen.
4. Desinformation und Fake News: Die Verbreitung von Falschinformationen und die Untergrabung von Fakten können das Vertrauen in die Vernunft und die wissenschaftliche Methode untergraben, was den Prinzipien der Aufklärung entgegenwirkt.
5. Identitätspolitik: Sie attackiert die freiheitlichen Errungenschaften der Moderne, die Aufklärung und den Universalismus der Menschenrechte und ist militant antiliberal. Es gibt Identitätspolitik von rechts, von links und von Seiten des politischen Islam:
- Identitätspolitik von rechts strebt nach einem ethnisch homogenen Volk, geht von der Ungleichwertigkeit der Menschen aus und lehnt universelle Menschenrechte ab. Siehe dazu: Rechtsextremismus als Gefahr für demokratische Gesellschaften
- Die Identitätspolitik des politischen Islam geht von der Ungleichwertigkeit der Menschen aus, lehnt universelle Menschenrechte ab und unterminiert oder negiert gar den Rechtsstaat. Siehe dazu: Islamismus als antidemokratische Ideologie
- Identitätspolitik von links stellt vor allem mit einer Standpunkttheorie den Rechtsstaat, den demokratischen Diskurs und die Wissenschaft in Frage. Postkolonialistisch geprägte Aktivisten diffamieren die Aufklärung als Projekt weisser, europäischer Männer. Siehe dazu:
Identitätspolitik als Gift für die Demokratie
Identitätspolitik und Postfaktualismus greifen Basis der Wissenschaft an
Standpunkttheorie der Identitätspolitik unterminiert Wissenschaft und Demokratie
Fazit:
Die Grundsätze der Aufklärung sind also eng mit der Existenz liberaler Demokratien verbunden. Sie sollten gegen Angriffe von rechts, von links und von Seiten des politischen Islam verteidigt werden.
Ausserdem als Buchtipp:
Markus Tiedemann vertritt in seinem Buch die Ansicht, dass die Aufklärung zu Ende gehe – und er hofft zugleich, dass er sich damit irrt. Das Buch ist lesenswert und vermittelt gut verständlich Kerngedanken der Aufklärung:
„POST-AUFKLÄRUNGS-GESELLSCHAFT – Was wir verlieren und was uns bevorsteht„, von Markus Tiedemann, Brill Mentis Verlag 2023.