Die Münchner Sicherheitskonferenz hat in ihrem Sicherheitsbericht 2026 vor einer Abrissbirnenpolitik gewarnt. Der Umgang mit gewachsenen Strukturen werde vielerorts durch eine Devise umfassender Zerstörung geprägt, die an die Stelle von Reformen und sorgfältigen Kurskorrekturen trete:
«In vielen westlichen Gesellschaften haben politische Kräfte an Einfluss
gewonnen, die eine Politik der Zerstörung der Reformpolitik vorziehen.
Getrieben von Groll und Bedauern angesichts des liberalen Kurses, den ihre
Gesellschaften eingeschlagen haben, versuchen sie, nun jene Strukturen
abzuräumen, die vermeintlich den Aufstieg ihres Landes zu neuer Größe
verhindern. Ihre disruptive Agenda speist sich aus der in vielen Gesellschaften
weit verbreiteten Enttäuschung über die Leistungsfähigkeit demokratischer
Institutionen und einem allgemeinen Vertrauensverlust in Reformen und
politische Kurskorrekturen…..
Sowohl international als auch innerhalb von Staaten gelten politische
Strukturen als übermäßig bürokratisiert und verrechtlicht – und damit als
reform- und gestaltungsunfähig. Das Ergebnis ist ein politisches Klima,
in dem diejenigen vorsichtig bewundert, wenn nicht offen gefeiert werden,
die den Einsatz von Bulldozern, Abrissbirnen und Kettensägen predigen……
Der mächtigste jener Akteure, die die Axt an bestehende Regeln und
Institutionen legen, ist US-Präsident Donald Trump. Aus Sicht seiner
Anhänger verspricht eine „Bulldozer-Politik“, institutionelle Lähmung zu
durchbrechen und Lösungen zu erzwingen, wo lange Stillstand und Blockade
herrschten.»
Die Autoren des Sicherheitsberichts zweifeln jedoch daran, dass eine Politik der Zerstörung wirklich den Boden für Maßnahmen ebnet, die einer breiteren Bevölkerungsmehrheit dienen. Sie sehen im Gegenteil eine Welt entstehen, die von transaktionalen Deals statt prinzipiengeleiteter Zusammenarbeit geprägt ist, in der private Interessen öffentliche Interessen verdrängen und in der der Willen der Großmächte und kein internationales Regelwerk das Schicksal der Weltregionen bestimmen. Ironischerweise wäre dies eine Welt, die die Reichen und Mächtigen begünstigt, während jene, die ihre Hoffnungen auf eine disruptive Abrissbirnenpolitik setzen, auf der Strecke bleiben.
Quelle: Sicherheitsreport 2026 Zusammenfassung
Kleine Schritte statt Abrissbirnenpolitik
Die Abrissbirnenpolitik hat etwas ausgesprochen Verführerisches. Sie macht «Tabula rasa». Alles wird neu und gut. Die Risiken liegen aber auf der Hand. Es kann dabei viel zerstört werden, dessen Wert und Nutzen erst im Nachhinein erkannt wird. Bestehende Strukturen werden dann vernichtet, ohne dass tragfähige Alternativen vorhanden sind.
Der Philosoph Karl Popper (1902 – 1994) hat ein Gegenkonzept zur Abrissbirnenpolitik entwickelt: die Idee der schrittweisen, reformerischen Verbesserung von Politik und Gesellschaft.
Hier sind die wichtigsten Punkte von Poppers Ansatz:
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Piecemeal Engineering („Stückwerk-Sozialtechnik“)
Karl Popper plädiert für kleine, kontrollierte Reformen statt für große, revolutionäre Umwürfe. Jede politische Maßnahme sollte so gestaltet sein, dass sie reversibel ist und bei Fehlschlägen korrigiert werden kann. Das minimiert das Risiko von Katastrophen und ermöglicht Lernen aus Fehlern.
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Kritischer Rationalismus
Karl Popper betont, dass keine politische Theorie oder Praxis als endgültig oder perfekt angesehen werden darf. Stattdessen müssen alle Lösungen ständig kritisch hinterfragt und verbessert werden. Dies fördert eine offene, lernfähige Gesellschaft.
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Offene Gesellschaft
Karl Popper setzt sich für eine pluralistische, demokratische Gesellschaft ein, in der unterschiedliche Meinungen und Interessen ausgehandelt werden können. Radikale Ideologien, die absolute Wahrheiten beanspruchen, lehnt er ab, da sie häufig zu Gewalt und Unterdrückung führen.
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Fehlerfreundlichkeit
Popper sieht Fehler als unvermeidbar und notwendig für Fortschritt. Wichtig ist, dass Gesellschaften Mechanismen haben, um aus Fehlern zu lernen und sich anzupassen, ohne in Chaos oder Diktatur zu verfallen. Es ist eine Stärke von funktionierenden Demokratien, dass erkannte Fehler korrigiert werden können. Diktaturen fällt das in der Regel viel schwerer.
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Schrittweise Verbesserung
Statt auf den „großen Wurf“ zu warten, soll Politik schrittweise Probleme lösen. Popper warnt davor, dass radikale Veränderungen oft unvorhersehbare, negative Folgen haben – ähnlich einer Abrissbirnenpolitik, die mehr zerstört als aufbaut.
Karl Poppers Ansatz ist also ein Plädoyer für Bescheidenheit, Experimentierfreude und ständige Verbesserung – ein klarer Gegenentwurf zu radikalen, destruktiven Politikansätzen, wie beispielsweise die Abrissbirnenpolitik eines Donald Trump.
Siehe auch: