Sprachpolitik ist ein wichtiges Element der Identitätspolitik und hat in den letzten Jahren zunehmend Einfluss genommen auf die Gesellschaften demokratischer Staaten.
Jan Feddersen und Philipp Gessler schreiben in ihrem Buch «Kampf der Identitäten» zur Sprachpolitik:
«Die Idee, dass Menschen über Sprache die Realität nicht nur beschreiben, sondern in gewisser Weise auch erst schaffen, wurde für die Identitätspolitik sehr wichtig, ja, zentral. Denn auf Sprache, anders als auf ökonomische Prozesse, hatten die Akteur*innen als akademisch Qualifizierte Einfluss, konsequenterweise lässt sich Sprache dann als Werkzeug einsetzen, um das Denken und am Ende auch die Realität zu verändern. Das ist ein Grund dafür, warum beim identitätspolitischen Ansatz die richtige Schreib- und Redeweise von entscheidender Bedeutung ist. Hinzu kommt, dass aus poststrukturalistischer Perspektive die Begriffe wahr, falsch und objektiv nur noch als fluide verstanden werden – das trifft sich mit der starken Orientierung an der Subjektivität und eigener Betroffenheit im identitätspolitischen Opferdiskurs. Aber es macht auch einen rationalen, um Objektivität bemühten Diskurs offenkundig schwerer.»
Etwa ab den Neunzigerjahren wurde insbesondere an den US-Universitäten versucht, die zumindest so verstandenen postmodernen Theorien irgendwie in die Praxis umzusetzen, wodurch die Machtverhältnisse nicht zuletzt durch Sprache «dekonstruiert» werden sollten. Und das hauptsächlich mit dem Ziel einer «Social Justice», also sozialer Gerechtigkeit, und zwar für Minderheiten. Im Laufe der Jahre entwickelten sich daraus mehrere Forschungszweige, die sich nicht nur der Welterkenntnis verschrieben, sondern die Welt auch gestalten und verbessern wollten. Feddersen / Gessler schreiben dazu:
«Die neuen Disziplinen trugen Namen wie ‘Queer Studies’ oder ‘Gender Studies’, man könnte wohl auch Teile der ‘Postcolonial Studies’ sowie die interdisziplinären Ansätzen der ‘Fat Studies’ oder ‘Disability Studies’ dazu zählen. Sie arbeiteten mit neuen Theorieansätzen und Konzepten wie ‘Critical Whiteness’, ‘White Privilege’, ‘Mikroaggressionen’ und der…’Intersektionalität’,…» (Seite 34/35)
Das sind die theoretischen Hintergründe der identitätspolitischen Sprachpolitik und es lässt sich daraus auch erkennen, wie Wissenschaft durch Aktivismus politisch ideologisiert wird.
Wirkt Sprachpolitik so wie erhofft?
Entscheidend ist die Frage, ob Sprachpolitik auch die Wirkungen erzeugen kann, die von ihren Verfechtern erhofft und versprochen wird. Daran gibt es erhebliche Zweifel. Der Philosoph und Sprachexperte Philipp Hübl erwähnt als Beispiel für eine aktivistisch gewordene Wissenschaft die starke Bestrebung in den Geisteswissenschaften, Sprachpolitik zu betreiben. Da stecke die Idee dahinter, «wenn wir die Sprache ändern, dann wird die Welt auch besser». Das sei leider sehr oft Wunschdenken, oder auch magisches Denken:
«Es zeigt sich einfach, dass die Menschen nicht ihre Einstellung ändern, nur weil man die Worte ändert. Im Gegenteil. Es ist oft sogar so, wenn man Leuten sagt, sie sollen jetzt plötzlich anders reden, auch wenn sie das Herz am rechten Fleck haben, dann führt das oft eher zur Abwehrhaltung, zur Reaktanz, weil wir Sprache sehr eng mit unserer Identität verbinden und Menschen nicht so gerne gesagt bekommen sie sollen plötzlich anders sprechen und die Art und Weise wie sie bisher gesprochen haben, sei vermeintlich diskriminierend, oder falsch oder unterdrückerisch und so weiter.» (YouTube-Vortrag ab Min 26.52)
Warnung vor identitätspolitischer Sprachpolitik
Die Politologin und Soziologin Ulrike Ackermann sieht in der identitätspolitischen Sprachpolitik ein «gehöriges gesellschaftliches Spaltungspotenzial» (Seite 144) und warnt darüber hinaus auch vor totalitären Tendenzen:
«George Orwell hat in seinem Roman 1984 die totalitäre Sprachpolitik der Staatspartei, die die Bürger mit neuem Bewusstsein erfüllen und auf Linie bringen soll, ‘Neusprech’ genannt. Ziel ist deren Umerziehung und die Umgestaltung der Gesellschaft. Säuberungspolitik, die mit Sprache begann, war den Maoisten der Chinesischen Kulturrevolution ebenso eigen wie Josef Stalin oder Adolf Hitler: Wörter, Namen, Bilder, Fotos und Menschen verschwanden, Geschichte wurde umgeschrieben. Umso erstaunlicher ist es, dass wir eingedenk dieser Diktaturerfahrungen im letzten Jahrhundert nicht wesentlich sensibler und widerständiger sind, wenn sich eine ideologisch fundierte, identitäre Sprachpolitik ausbreitet und die Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt wird. Die mit der Sprachpolitik verknüpfte Cancel Culture, aus den Universitäten kommend, von Aktivisten verbreitet, dringt in alle Fugen der Gesellschaft ein, obwohl sie von einer Minderheit ausgeht und von der Mehrheit der Gesellschaft abgelehnt wird. Wichtiges Instrument ist dabei das Deplatforming, das Internetauftritte von attackierten Menschen tilgt, deren öffentliches Auftreten vereitelt und bis zu ihrem Jobverlust reicht. Die Cancel Culture ist die sichtbare Spitze des Eisbergs. Darunter verbergen sich weitreichende ideologische Konzepte zur Umgestaltung der Gesellschaft, wie wir gesehen haben.» (Seite 149/150)
Zum Thema Sprachpolitik siehe auch:
Identitätspolitik: Darf man noch «Indianer» sagen?
Mohr, Mohrenkopf, Mohrenapotheke – darf man das noch sagen?
Quellen:
☛ «Kampf der Identitäten – Für eine Rückbesinnung auf linke Ideale», von Jan Feddersen und Philipp Gessler, Ch. Links Verlag 2021. Buchbesprechung und Zitate.
☛ „Die neue Schweigespirale: Wie die Politisierung der Wissenschaft unsere Freiheit einschränkt“, von Ulrike Ackermann, wbgTheiss Verlag 2022. Siehe dazu auch: Buchbesprechung und Zitate.
☛ Vortrag von Philipp Hübl auf YouTube:
Vortrag „Moralspektakel“ auf dem OEADF-Kongress 2025 in Wien (ab Minute 26.55)
Ausserdem:
Identitätspolitik unterminiert Wissenschaft
Identitätspolitik als Gift für die Demokratie
Identitätspolitik unterminiert Demokratie und Rechtsstaat
Buchtipp:
«Moralspektakel – Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht», von Philipp Hübl, Siedler Verlag 2024. Buchbesprechung und Zitate.