In den USA ist der rechtskonservative Influencer Charlie Kirk auf einer politischen Veranstaltung mit einer Schusswaffe ermordet worden. Die USA versinken immer mehr in Gewalt, Hass und Spaltung. Es ist nicht abzusehen, wohin das noch führen wird. In solchen Situationen ist der Präsident eines Landes gefragt. Er muss deseskalierend wirken auf beide Seiten hin. Das kann und/oder will Donald Trump aber offensichtlich nicht. Trumps Versagen in dieser Rolle ist total.
Zwar hat er wenige Stunden nach dem Attentat auf Charlie Kirk eine Fernsehansprache an die Amerikaner gehalten, allerdings nur an seine Amerikaner.
Trumps Versagen zeigt sich im Video, das von n-tv veröffentlicht wurde. Wortlaut:
«Seit Jahren vergleichen Linksradikale wunderbare Amerikaner wie Charlie mit Nazis und den schlimmsten Massenmördern der Welt. Diese Art der Rhetorik ist verantwortlich für den Terrorismus, den wir in unserem Land erleben, und sie muss sofort aufhören. Meine Regierung wird jeden Einzelnen aufspüren, der zu dieser Gräueltat und zu anderer politischer Gewalt beigetragen hat, darunter auch die Organisationen, die sie finanzieren und unterstützen, sowie diejenigen, die unsere Richter, Strafverfolgungsbeamten und alle anderen verfolgen, die für Ordnung in unserem Land sorgen. Vom Angriff auf mein Leben in Butler, Pennsylvania, letztes Jahr, der einen Ehemann und Vater tötete, über die Angriffe auf Agenten der ICE, den brutalen Mord an einem Gesundheitsmanager auf den Strassen von New York bis zu den Schüssen auf den Mehrheitsführer des Repräsentantenhauses Steve Scalise und drei weitere Personen. Linksradikale, politische Gewalt hat zu viele unschuldige Menschen verletzt und zu viele Leben gekostet.»
Quellen:
Ansprache nach Kirk-Attentat: Trump macht Schuldzuweisungen und droht (n-tv Video)
Mord an Charlie Kirk: Es wächst die Gefahr, dass bald das ganze Land in Flammen steht (Tages-Anzeiger)
Rechter Aktivist Charlie Kirk: Was wir über den Schusswaffenangriff auf Charlie Kirk wissen (Zeit online)
Trumps Versagen zeigt sich auf der ganzen Linie
Trumps Versagen lässt sich an folgenden Punkten festmachen:
► Als Donald Trump seine Ansprache hielt, lagen noch keine gesicherten Informationen über den Täter vor. Auf der Basis dieser mangelhaften Informationslage das Attentat schon «Linksradikalen» zuzuschreiben und von dahinterstehenden Organisationen zu schwadronieren ist pure Scharlatanerie.
► Trump nutzt das Attentat sofort für seine politische Agenda. Damit ist die Spaltung gesetzt.
► Trump beklagt Gewalt von linker Seite und droht, hart gegen sie vorzugehen. Gewalt von rechter Seite unterschlägt er. Insbesondere den gewaltsamen Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021, den er selber angezettelt hat, und beidem mehrere Menschen starben. Die Täter dieses Putschversuches hat Trump bekanntlich sogar begnadigt. Mehr Verzerrung und Schlagseite in der Darstellung ist kaum möglich.
► Trump beklagt die «Art der Rhetorik», die zum Terrorismus führe, während er selber in seiner Rhetorik absolute Aggressivität an den Tag legt.
► Trump beklagt die Verfolgung von Strafbeamten und Richtern, verfolgt aber selbst jeden in Justiz und Verwaltung, den er als Gegner oder Feind identifiziert.
► Insgesamt zeigt die Rede ein hohes Masss an Manichäismus (Gut-Böse-Spaltung) – was bei Tump aber charakteristisch ist.
Mehr kann ein US-Präsident in einer solchen Situation wohl nicht versagen. Dass seine Anhänger diese eklatanten Widersprüche nicht sehen zeigt, wie stark der Tribalismus in den USA inzwischen ist. Ob Aussagen und Handlungen als gut oder schlecht beurteilt werden, hängt nur noch davon ab, ob sie zum eigenen Stamm passen oder nicht. Tribalismus ist ein Todfeind der Demokratie.
Dass es auch in Europa nicht wenige Leute gibt, die den Demagogen, Agitator und Autokraten Trump als Heilsbringer sehen, muss sehr zu denken geben.
Siehe ausserdem:
Was ist Trumpismus? – Antworten von US-Ökonom Bachmann
Tribalismus, digitaler: Problematik des Stammesdenken