Intensives zivilgesellschaftliches Engagement zeigt sich vor allem an den extremistischen Rändern der Gesellschaft, während die demokratisch gesinnte Mitte eher passiv bleibt.
Dieses Phänomen wird in der Politikwissenschaft und Soziologie häufig diskutiert: Die demokratische Mitte ist häufig still, während die Ränder laut sind. Das Phänomen hat mehrere Ursachen und Konsequenzen – und ist für die Zukunft der Demokratie entscheidend.
Warum ist die Mitte oft passiv?
- Zufriedenheit: Viele Menschen in der Mitte fühlen sich politisch gut vertreten und sehen keinen akuten Handlungsbedarf.
- Zeitmangel: Engagement kostet Zeit – und viele priorisieren Beruf, Familie oder Freizeit.
- Vertrauen in Institutionen: Die Mitte vertraut oft darauf, dass „die da oben“ schon das Richtige tun – bis Krisen dieses Vertrauen erschüttern.
- Komplexität: Demokratische Prozesse sind oft schwer durchschaubar, was zu Resignation führt.
- Silencing: Als „Silencing“ (dt. zum Schweigen bringen) werden Einschüchterungsversuche im Netz bezeichnet, die darauf abzielen, Menschen im Internet solange einzuschüchtern, bis sie nicht mehr das Wort ergreifen, verstummen und sich zurückziehen. Ziel der Angriffe: Andere Meinungen sollen aus der öffentlichen Debatte verschwinden. Silencing schadet betroffenen Menschen, aber auch der Demokratie, weil es dazu führt, dass sich nicht alle politischen Meinungen gleichermassen in der Öffentlichkeit darstellen können. Es behindert und verzerrt den politischen Prozess. Insbesondere Glaubenskrieger aller Art versuchen, besonders viele Diskussionsräume im Internet zu besetzen. Sie schlagen typischerweise oft einen besonders harten Ton gegenüber Andersdenkenden an.
Warum sind die Ränder lauter?
- Emotionale Mobilisierung: Extreme Positionen polarisieren und motivieren Menschen stärker, sich zu engagieren – aus Überzeugung oder Wut.
- Einfache Botschaften: Populistische oder radikale Gruppen bieten oft klare Feindbilder und einfache Lösungen, die mobilisieren.
- Gefühl der Dringlichkeit: Wer sich bedroht fühlt (real oder eingebildet), handelt eher.
- Moralspektakel: An den extremen Rändern herrscht oft ein harter Wettbewerb darum, wer zu den Besten und Engagiertesten gehört. Um sich in dieser Arena durchzusetzen, muss man laut sein.
Welche Gefahren ergeben sich daraus für die Demokratie
Wenn die Mitte schweigt, überlässt sie die Deutungshoheit den extremen Rändern – und das kann die politische Kultur verändern. Demokratie lebt jedoch vom Ausgleich, vom Kompromiss, von der breiten Teilhabe.
Was kann die Mitte tun?
- Sichtbar werden: Auch kleine Zeichen des Engagements (z.B. in lokalen Initiativen, sozialen Medien, Nachbarschaftsprojekten) zeigen Präsenz.
- Allianzen bilden: Die demokratische Mitte muss sich vernetzen – über Parteigrenzen hinweg.
- Kultur des Zuhörens: Die Mitte kann Räume schaffen, in denen unterschiedliche Meinungen respektvoll diskutiert werden.
- Lagerübergreifende Solidarität: Einschüchterungskampagnen können aus allen politischen Richtungen kommen. Rechte hetzen gegen Minderheiten, linke Identitätspolitiker diffamieren alle, die ihre Ideologie nicht teilen und sich ihrer Meinung nach politisch inkorrekt verhalten, Islamisten greifen liberale Muslime als angeblich Abtrünnige an. Es braucht lagerübergreifende Solidarität mit den Opfern von Einschüchterungskampagnen.
Quellen/weiterführende Literatur
► Silencing – Einschüchterungsversuche im Netz
► Buchtipp: Ulrike Ackermann: «Die neue Schweigespirale»
► Buchtipp: «Das Schweigen der Mitte», von Ulrike Ackermann
► Sprachpolitik als Element der Identitätspolitik
► Debattenkultur in der Demokratie
► Identitätspolitik: «Transphobie» als billige Diffamierungsstrategie
► Islamophobie als Kampfbegriff
► Philipp Hübl zur digitalen Einschüchterungskultur
► Philipp Hübl zum Thema: Moral als Tugendsignal und Waffe
► Buchtipp: «Moralspektakel» von Philipp Hübl
Die Recherche wurde unterstützt durch Le Chat Mistral.