Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow wurde nach dem russischen Angriff zu einer der bedeutenden Stimmen aus der Ukraine. Er fing an, die Lage für internationale Medien einzuordnen und beschrieb in seinem Buch „Tagebuch der Invasion“ den Alltag im Krieg.
Die Wiener Zeitung veröffentlichte ein lesenswertes Interview mit Andrej Kurkow. Darin spricht er auch darüber, wie es den Ukrainerinnen und Ukrainern gerade geht:
«Nun, die meisten meiner Freunde verstehen, dass dieser Krieg nicht enden wird, bevor Putin tot ist. Das ist sein letzter Krieg. Er will zeigen, dass er der Stärkste ist. Die internationale Ordnung, Gesetze oder Abkommen kümmern ihn nicht. Vielleicht gibt es hin und wieder Pausen, aber er wird weitergehen. Und es ist unvorhersehbar, was passieren wird, denn dieser Krieg schwächt die russische Wirtschaft enorm. Russland fehlen Arbeitskräfte. Sie verlieren viele Menschen an der Front und in den Fabriken fehlen Arbeiter:innen. Gleichzeitig gibt es in der Ukraine keine Verzweiflung. Niemand in Kiew, Lwiw oder Charkiw weint und sagt: „Gib ihm doch die halbe Ukraine, Hauptsache, der Krieg ist vorbei.“ Die Gesellschaft versteht: Man kann mit Russland keine Abkommen schließen.»
Andrej Kurkow wird im Interview auch gefragt, ob er das Gefühl habe, dass westliche Politikerinnen und Politiker Russland verstehen.
Antwort:
«Einige verstehen es. Die litauischen Politiker:innen verstehen es sehr gut. Die polnischen auch. Aber je weiter man sich von der Ukraine entfernt, desto weniger Verständnis gibt es. Ich glaube, spanische und portugiesische Politiker:innen denken noch immer, Russland sei ein normales Land, mit dem man normal reden kann. Russland hat viele politische Parteien in Europa finanziert – meist rechts- und linksextreme. Einige dieser Politiker:innen sind jetzt einflussreicher als früher. Sie kämpfen um Macht in den Wahlen und fordern, die Hilfe für die Ukraine zu stoppen.»
Quelle:
Andrej Kurkow: „Der Krieg ist erst vorbei, wenn Putin tot ist“ (Wiener Zeitung)
Zweifellos versteht man Russland besser, wenn man täglich von russischen Raketen und Drohnen bombardiert wird, wenn Zivilisten von russischen Drohnen gejagt werden, wenn Kriegsgefangene von russischen Soldaten ermordet werden, wenn ukrainische Kinder systematisch und im grossen Stil verschleppt und in Russland zu Adoption freigegeben werden.
Vielen von jahrzehntelangem Frieden verwöhnten Menschen in Westeuropa scheint es sehr schwer zu fallen, sich diese Situation vorzustellen. Andrej Kurkow legt überzeugend dar, dass man Putin nicht trauen kann. Der Kreml-Herrscher ist ein Massenmörder und Kriegsverbrecher. Er hat Abkommen am laufenden Band gebrochen.
Wer in Hinblick auf den russischen Angriffskrieg russische Propagandalügen verbreitet wie zum Beispiel der selbsternannte Friedensforscher Daniele Ganser oder der Weltwoche-Verleger Roger Köppel verrät demokratische Werte und stellt sich auf die Seite eines ruchlosen Autokraten.
Politikerinnen und Politiker in Europa stehen in der Verantwortung, ihre Armeen zügig verteidigungsfähig zu machen und die Ukraine mit allem, was nötig ist sinnvoll ist, zu unterstützen. Die Ukraine verschafft mit ihrem Abwehrkampf den Demokratien Europas wertvolle Zeit für die Wiedererlangung der Verteidigungsfähigkeit.
Es braucht aber auch einen Mentalitätswandel in der Bevölkerung Europas. Uns muss wieder klarer werden, dass Krieg wieder eine reale Gefahr ist – auch wenn diese Vorstellung hochgradig unangenehm ist und Angst macht. Dabei ist es hilfreich, wenn dem abgehobenen Gelaber der Putin-Influencer Stimmen wie diejenige von Andrej Kurkow entgegenstehen.
Siehe auch:
► Buchtipp:
«Die Rückkehr des Krieges» von Franz-Stefan Gady, Quadriga Verlag 2024. Buchbeschreibung und Zitate.
► «Die Achse der Autokraten – Korruption, Kontrolle, Propaganda: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten», von Anne Applebaum, Siedler Verlag 2024. Buchbeschreibung und Zitate.
► Schweiz verpennt «Zeitenwende» bezüglich Ukraine-Krieg
► Kommt die «Zeitenwende» in der Schweiz an?
► In der Ukraine steht die Zukunft Europas auf dem Spiel
► Die Schweiz sollte ihre Unterstützung für die Ukraine entschieden ausbauen
► Wie steht’s um die Wehrhaftigkeit westlicher Demokratien?